HSG NIENBURG | Meerbachspatzen

Helge Nußbaum
Der "Meerbachspatzen"-Meistersommer - Alessandro Aiello

"Der Eisverkäufer" - HSG-Handballer Alessandro Aiello

Erinnern Sie sich noch an die Band Milli Vanilli? Die Chartbreaker "Girl You Know It’s True" oder "Baby Don’t Forget My Number" Ende er 80er können im Leben von Alessandro Aiello eigentlich keine große Rolle gespielt haben, denn der Linksaußen der HSG Nienburg ist erst nach der Jahrtausendwende zur Welt gekommen. Und doch erinnert ein Spitzname, den der 21-jährige Handballer bei den Rot-Schwarzen bekommen hat, stark an das Discopop-Duo von damals.

Seit seinem Wechsel vergangenen Sommer von der Leine an die Weser wird er zumeist "Ali" gerufen, doch zuletzt standen auch "Der Eisverkäufer" oder eben "Ali Vanilli" hoch im Kurs bei den Oberliga-Meistern.

Die Karriere von Milli Vanilli endete 1990 mit einem Skandal, als bekannt wurde, dass sie keines ihrer Lieder selbst gesungen hatten. Ihr Part bestand lediglich darin, die per Playback abgespielten, von anderen Künstlern gesungenen Lieder tänzerisch zu begleiten und dazu synchron die Lippen zu bewegen. Bei Aiello fängt die Karriere hingegen quasi erst an, nach Playback sieht es bisher nicht aus und es ist dem sympathischen Jungspund mit italo-argentinischen Genen zu wünschen, dass die Laufbahn auch nicht so jäh endet wie die des damaligen Pop-Duos.

Im März 2021 verkündeten die "Meerbachspatzen" mit Aiello stolz ihren ersten externen Neuzugang seit 2017. Der damals 19-jährige tauschte sein Trikot der TSV Burgdorf III mitten in der Corona-Krise gegen das rot-schwarze der HSG Nienburg ein. Aiello: "Der Start war nicht ganz so einfach mitten in einer der Lockdown-Phasen. Damals waren meine ersten Berührungspunkte mit der Mannschaft Online-Trainingseinheiten, ein persönliches Kennenlernen war ja nicht möglich."

Gut, dass er bei seinem Arbeitgeber vom Handball-Bundesligisten "Die Recken" TSV Hannover-Burgdorf mit Steve Kählke jemanden an seiner Seite hat, den er schon länger kennt. Der HSG-Rückraumspieler arbeitet ebenfalls bei der TSV und überzeugte seinen Kollegen schließlich vom Wechsel an die Weser. "Steve war da schon die treibende Kraft."

Nach seinem Abitur absolvierte Aiello unter anderem ein halbjähriges Praktikum beim HVN (Niedersächsischer Handballverband), ehe er sein duales Studium im Sportmarketing/Sportjournalismus aufnahm und hierfür seine Kontakte zu den "Recken" nutzte, bei denen er nun in der Pressekommunikation tätig ist. Er leitet als Werksstudent die Pressekonferenzen vor den Recken-Spielen und bei Heimpartien vor Ort, schreibt die Spielberichte und vieles mehr.

Bei einem HARKE-Besuch vor wenigen Wochen in der Trainingshalle der Recken war zu merken, wie gut Aiello bei den Profis ankommt und sie ihn kennen - er ist quasi mit allen per Du. Mit Spielern wie Veit Mävers oder Justus Fischer stand er selbst noch auf der Platte bei den Junioren und auch mit Martin Hanne versteht er sich privat sehr gut.

In den letzten zwei Jahren hat er keine Begegnung der Recken verpasst, ist bei jedem Heimspiel in der ZAG Arena und bei Auswärtsfahrten sitzt er meist vor dem Fernseher sowie zeitgleich am Rechner, um die Berichte zu verfassen. "In Magdeburg, Lemgo oder Minden war ich auch schon bei Auswärtspartien dabei, aber das ist nicht die Regel. Mein Ziel ist nach dem Studium eher nicht zu schreiben, sondern vor der Kamera zu stehen oder als Kommentator zu fungieren." Die nächsten zwei Jahre wird er jedoch noch bei den Recken verbringen.

Der 21-jährige ist sozusagen mit dem Handball in der Hand zur Welt gekommen. Seine Mutter Karin spielte selbst und war maßgeblich daran beteiligt, dass ihr Junior bereits im zarten Alter von vier Jahren mit dem Handballspielen begann. So wurde aus der Mami auch die Trainerin. In Letter bei Seelze startete er seine Laufbahn bei den Minis, ehe es dann mit zwölf Jahren in den Nachwuchsbereich der Recken ging.

Dort führte er vor seinem HSG-Wechsel das A-Junioren-Bundesliga-Team zeitweise sogar als Kapitän auf die Platte und trainierte unter Iker Romero, dem spanischen Weltmeister von 2005. Zudem sammelte er Erfahrungen im Seniorenbereich bei der TSV-Drittvertretung, die damals in derselben Oberliga-Staffel spielte, in der auch die "Meerbachspatzen" unterwegs waren. Von seinem Vater erbte "Ali" hingegen die italienischen und argentinischen Gene.

Bei den ersten gemeinsamen Trainingseinheiten in der Meerbachhalle hatte HSG-Coach Carsten Thomas zunächst etwas Bedenken. "Wenn jemand aus der A-Jugend-Bundesliga kommt, hat man eben eine gewisse Erwartungshaltung, doch was Ali am Anfang beim Training verworfen hat ...", erinnert sich Thomas rückblickend. Doch dann sei das erste Turnier in Oyten gekommen und von 24 Würfen nagelte "Der Eisverkäufer" eiskalt alle 24 in die Maschen der gegnerischen Teams. Thomas: "Da hat er schon aufblitzen lassen, was in ihm steckt. Leichte Anpassungsprobleme an den Seniorenhandball sind halt normal und Ali ist eben noch sehr jung."

Auch während der Saison hatte Aiello immer mal wieder mit seiner Trefferquote zu kämpfen, doch "er hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen, hat das weggesteckt und sich durchgebissen", sagt Thomas. Zwischendurch sind auch die Rufe nach Routinier Kristaps Ence lauter geworden, doch der Coach hielt beharrlich an seinem Jungspund fest, der das Vertrauen seines Trainers am Ende der Saison auch allemal rechtfertigte. Thomas: "Wir wollen den Weg mit jungen Spielern gehen und dann muss man ihnen auch Schwächephasen zugestehen. Ali macht seine Sache sehr gut."

Mit sechs Jahren fing Aiello auch mit dem Fußballspielen an, spielte schnell leistungsorientiert für den TSV Havelse, doch dann klopfte Burgdorf an und die Entscheidung für den Handball war gefallen. Diese bereut "Ali" bis heute nicht. "Handball ist für mich die coolere der beiden Sportarten, hier spüre ich mehr Teamspirit", sagte er damals bei seiner Neuverpflichtung im HARKE-Gespräch. Vor seiner Zeit als Werkstudent war er noch großer Anhänger von Hannover 96, ging gern ins Stadion. Heute ist er eher neutraler unterwegs, doch bei den Nationalmannschaften hat er eine deutliche Präferenz: "Deutschland ist die klare Nummer eins, danach kommt Argentinien, denn da ist mein Papa großgeworden."

Der Teamspirit bei der HSG war für Aiello auch der Schlüssel für den großen Coup mit der Oberliga-Meisterschaft: "Wir waren mit Sicherheit nicht das qualitativ beste Team der Liga, doch wir haben das über unsere Mentalität ausgeglichen." Als Höhepunkte benennt der 21-jährige gleich drei Partien: "Zum einen ist da mein erstes Pflichtspiel im HSG-Dress, das wir heiß umkämpft in Haren gewonnen haben - sehr wichtig für die gesamte Saison. Zum anderen der Heimerfolg gegen Delmenhorst, wo wir es dann am Ende in der eigenen Hand hatten und natürlich der Sieg zur Meisterschaft gegen Rotenburg. Das war ein fantastischer Abend in der Meerbachhalle mit einer richtig starken Party."

Nach dieser Meistersause und auch nach zahlreichen anderen Siegesfeiern schlägt "Ali" sein Nachquartier meistens bei Team- und Arbeitskollege Steve Kählke auf, bei dem schon immer mit ihm gerechnet wird. "Das ist schon wie ein zweites Zuhause geworden am Wochenende, da steht schon immer alles für mich bereit." Bereit sieht der 21-jährige sein Team auch für die dritte Liga und blickt der neuen Saison optimistisch entgegen: "Klar wird es für uns schwer. Es geht nur um den Klasserhalt, aber mit unserem Willen und in der Underdog-Rolle werden wir schon ein paar Punkte holen. Am Ende schauen wir, ob es gereicht hat."

Seit Dienstag trainieren die Rot-Schwarzen nun schon wieder für die erste Drittliga-Saison der noch jungen Vereinsgeschichte - damit am Ende der Spielzeit nicht "I‘m gonna Miss You" gespielt werden muss - auch ein Hit von "Ali-Vanilli", äääh Mili Vanilli...


Textquelle: "Die Harke"

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