HSG NIENBURG | Meerbachspatzen

Helge Nußbaum und Philipp Keßler
HSG-Trainer Carsten Thomas im HARKE-Kreuzverhör

Stets gelassen, immer für einen lockeren Spruch zu haben und absolut Handball-verrückt: Carsten Thomas!

Stets gelassen, immer für einen lockeren Spruch zu haben und absolut Handball-verrückt: Carsten Thomas, der in sein fünftes Jahr als Trainer der HSG Nienburg geht, hat mit seinem Team bereits Historisches geschafft, indem der Aufstieg in die 3.Handball-Liga gemeistert wurde. Nun hat der Coach ein einziges Ziel vor Augen: Alle anderen Vereine überraschen und als absoluter Underdog am Saisonende doch den Klassenerhalt bejubeln. Wie das gelingen kann und wie gut die "Meerbachspatzen" vorbereitet sind, das verrät Thomas im großen HARKE-Interview kurz vor dem Saisonstart am 3.September.

Carsten, wie lief die Vorbereitung?

Die Vorbereitung lief wirklich gut. Die Mannschaft hat in den Testspielen immer einen guten Eindruck gemacht, sodass ich insgesamt sehr zufrieden bin. Bitter sind jedoch die beiden Verletzungen: Constantin von Müller hat sich eine Schulterprellung zugezogen und wird zunächst ausfallen, viel schlimmer hat es jedoch Paul Hildebrandt erwischt, der sich deutlich schwerer an der Schulter verletzt hat - er wird uns lange fehlen, und das tut mir für ihn zum einen sehr leid, zum anderen fehlt uns damit eine wichtige Säule in der Verteidigung.

Habt ihr, im Vergleich zu den vergangenen Jahren, etwas in der Vorbereitung verändert?

Wir haben viele Einheiten mit Athletiktrainer Sören Fennekoldt durchgeführt. Er hat das Team noch einmal ein deutliches Stück in Sachen Fitness vorangebracht.

Bleibt Malte Grabisch Kapitän, obwohl er in der vergangenen Saison einige Spiele aussetzen musste?

Ja, daran haben wir nichts verändert. Das haben wir beim Mannschaftsabend während des Trainingslagers in Stralsund so beschlossen. Man merkt Malte an, dass er es wirklich noch einmal wissen will. In der Vorbereitung hat er viel Einsatzzeit bekommen und auf Anhieb etliche Tore erzielt. Er hat die Erfahrung, er hat die Technik und den Willen - bleibt er verletzungsfrei, wird er für uns in dieser Saison extrem wichtig.

Steve Kählke bleibt somit vermutlich auch Co-Kapitän. Er war im Meisterschaftsjahr bester HSG-Torjäger. Wie viel Last liegt auf seinen Schultern, beziehungsweise wie viel Last kann ihm ein fitter Malte Grabisch abnehmen?

Ja, bleibt er. Wenn Malte so spielt, wie er zuletzt gespielt hat, kann er Steve natürlich entlasten. Durch die Verletzung von Paul wird es jedoch kompliziert. Dadurch wird Malte mehr auf die Mitte ausweichen müssen. Beim Vorbereitungsturnier in Schaumburg haben wir allerdings Bjarne Niemeyer mal auf der Mitte ausprobiert, das hat gut geklappt - da wären wir dann flexibel.

Wie froh bist Du, dass ihr eure Heimspiele im "Spatzennest", der Meerbachhalle austragen dürft? Hierfür wurde der HSG eine zeitlich begrenzte Sondergenehmigung erteilt.

Ich hätte auch kein Problem mit der Sporthalle an der BBS gehabt, denn dort habe ich als aktiver Handballer lange gewirkt und gute Erinnerungen. Aber hier in der Meerbachhalle fühlen wir uns deutlich wohler, wenngleich wir einige Auflagen erfüllen müssen.

Wird das Nienburger Publikum mitziehen? Was spürst Du, wie groß ist die Vorfreude im Umfeld auf die 3.Liga?

Ich bin zuversichtlich, dass vor allem am Anfang der Saison eine große Begeisterung da sein wird. Danach liegt es natürlich an uns, wie wir uns präsentieren. Wenn wir uns gegenseitig anmachen und regelmäßig "abgeschlachtet" werden - was ich mir allerdings nicht vorstellen kann -, dann werden sehr wahrscheinlich auch weniger Zuschauer zu den Partien kommen, ganz klar. Aber die Heimspiele sind für uns enorm wichtig, es geht ab Spiel eins für uns nur um den Klassenerhalt und wäre es toll, wenn wir unser "Spatzennest" zu einem Ort machen können, an dem kein Gegner gern spielen möchte. Unsere Zuschauer werden es definitiv immer honorieren, wenn wir alles reinhauen und bis zum Umfallen kämpfen.

Zurück zum Sportlichen: Wie groß ist der Leistungsunterschied zwischen Oberliga und 3.Liga denn nun wirklich?

Das ist schon eine ganz andere Nummer, denn die dritte Liga wird professionell geführt. Es ist zwar nicht so, dass jetzt alle Teams unter Profibedingungen arbeiten - das sieht man ja an uns -, aber es gibt Mannschaften wie die Favoriten TuS Vinnhorst und Wilhelmshavener HV, die zweimal am Tag trainieren. Einige Vereine sind jahrelang in der Liga dabei, haben dadurch natürlich ganz andere Strukturen und eine andere Einkaufspolitik, was die Neuzugänge anbelangt. Das Niveau ist insgesamt betrachtet deutlich höher und wir müssen uns schon gewaltig strecken, um da mitzuhalten, das sieht man auch bei dem Blick auf den Etat.

Du sprichst das Thema Neuzugänge an. Was versprichst Du dir von euren Neuzugängen und hättest Du gerne noch mehr frisches Blut in die HSG-Adern gepumpt?

Wir haben nicht die Möglichkeiten wie zum Beispiel unser erster Gegner TSV Altenholz, der acht Abgänge und sechs Zugänge zu verzeichnen hat. Viele Vereine arbeiten auch mit ausländischen Profis, tauschen den Kader zu jeder Saison halb aus. Unsere Philosophie sieht da ein bisschen anders aus, wir gehen bewusst mit unserem Aufstiegs- und Meisterkader in die Saison. Mit Tim Buschhorn haben wir einen Keeper dazugewonnen, der schon ein bisschen Drittliga-Erfahrung vom TSV Burgdorf mitbringt - er ist eine tolle Ergänzung zu unseren Torhütern und bringt noch einmal andere Stärken mit. Wir wollen mit jungen Leuten spielen, haben den Mut, müssen den Jungs dann aber auch das Zugeständnis machen, dass die Konstanz vielleicht manchmal fehlt.

Welchem deiner Spieler traust Du am schnellsten den Sprung in die 3.Liga zu?

Über Malte Grabisch und Steve Kählke brauchen wir hier nicht reden, sie haben es schon oft genug gezeigt. Ich traue unseren Linkshändern Finn Kühlcke, Lars Bergmann und Bjarne Niemeyer eine Menge zu. Auch Kai Bergmann wird am Kreis mit seinem cleveren Spiel schnell seine Rolle erfüllen und in der Liga ankommen - er arbeitet überragend für die Mannschaft. Paul Hildebrandt hätte auch viel gelernt, es ist natürlich bitter, dass er jetzt so lange ausfällt. Egal wie es kommt, es soll Spaß machen, wir können alle nur lernen, ich traue uns allen die dritte Liga zu, aber uns muss halt klar sein, dass Rückschläge kommen werden.

Apropos Rückschläge - wie wird das Team nach den zahlreichen Erfolgen der letzten Monate damit umgehen? Meinst Du, deine Spieler werden mehrere deutliche Niederlagen hintereinander einfach wegstecken können?

Ich glaube schon. Klar sind wir zuletzt auf einer Erfolgswelle gesurft, aber wir haben auch in der Oberliga schon schwierige Situationen überstanden. Die Mannschaft ist im Laufe der Zeit extrem zusammengewachsen und ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen, dass sich die Jungs von Misserfolgen aus der Bahn werfen oder auseinanderdividieren lassen. Niemand verliert gern und ich denke, wir würden uns eher über knappe Niederlagen als über deutliche aufregen. Es gibt halt Vereine, da verdient ein einziger Spieler mehr, als unser Etat hergibt, da muss man sich dann nicht aufregen, wenn man mal hoch verliert. Wenn Fußball-Kreisligist Estorf-Leeseringen gegen Bayern München verliert, wird auch kein Rot-Weißer in Tränen ausbrechen.

Wo müsst ihr eure Punkte für den Klassenerhalt einfahren und auf welche Auswärtsfahrt freust Du dich am meisten?

Sicherlich müssen wir sehen, dass wir unsere Punkte zuhause im "Spatzennest" holen, aber auch auswärts wird für uns bei einigen Vereinen bestimmt etwas drin sein. Fahrten Richtung Kiel, wie an diesem Wochenende, finde ich gut oder auch nach Wilhelmshaven. Die Derbys, wie zum Beispiel gegen Vinnhorst, haben natürlich auch ihren Reiz. Manche Rückreise könnte zwar lang werden, aber spätestens nach den ersten isotonischen Getränken und dem guten Essen von Sabine Hillebrandt ist auch die höchste Pleite schnell vergessen. Bei uns überwiegt einfach die Vorfreude auf dieses große Abenteuer.


Textquelle: "Die Harke"

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